Aktuelle News · 08.03.2021

Marktkommentar: Parallelen eher zu 1995 als zu 2000

Aus dem Pfadfinder-Brief Nr. 05 vom 27. Februar 2021, von Daniel Haase, Fondsmanager und Vorstand beim Hamburger Vermögensverwalter HAC

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Autor*in Tobias Gabriel

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

während so mancher Börsenkommentator angesichts einiger spekulativer Übertreibungen an den Märkten nicht müde wird, Vergleiche zum Platzen der New Economy-Blase im Jahr 2000 zu ziehen, verweist Alfons Cortés in seiner jüngsten, überaus lesenswerten Kolumne („Das Beste liegt noch vor uns“ auf „themarket.ch“) auf wesentliche Unterschiede: „Im Gegensatz zu 2000 steigt jetzt rund die Hälfte der Börsenkapitalisierung wie Phönix aus der Asche aus einem abgeschlossenen Bärenmarkt nach oben.“ So endet keine Hausse. Im Gegenteil! Cortés verweist sodann auf eine von vielen übersehene Parallele zu 1995, dem Beginn der spekulativen Übertreibungen an der Nasdaq. „Der Tenor im Januar 1995 war, dass das Jahr negativ werde für Aktien… Die Rede war davon, dass institutionelle Anleger nach den Verlusten auf ihren Obligationen Risiko abbauen und folglich ihre Aktienbestände reduzieren würden … Bekanntlich kam es anders.“ In 1994 erlebte der US-Rentenmarkt ein Blutbad. Die Renditen für 10jährige Staatsanleihen kletterten von 5% auf über 8%. Die Anleihekurse gaben entsprechend zweistellig nach. In den zurückliegenden Wochen und Monaten konnten wir ein ähnliches Schauspiel beobachten.

Renditen am Markt für US-Staatsanleihen
Abb. 1: Zeigt die Entwicklung der Renditen von 2, 5, 10 und 30jährigen US-Staatsanleihen seit 2016
Quellen: Tai-Pan (Lenz + Partner), HAC Finanzmedien GmbH

Die Kurse 30jähriger US-Staatsanleihen brachen um über 20% ein. Anleihen bieten heutzutage nicht nur miserabel niedrige Kupons, sondern gleichzeitig auch noch erhebliche Kursrisiken. Wenn die US-Notenbank die Zinsen niedrig halten will – und davon gehe ich aus –, wird sie nicht nur die laufenden Defizite der US-Regierung mit der Druckerpresse finanzieren müssen, sondern auch den Rentenmarkt-Ausstieg von Privatanlegern und institutionellen Investoren. Wohin werden sich diese Investoren wenden? Werden sie dauerhaft unverzinste Tagesgeldkonten wählen? Oder werden sie, wie Cortés es vermutet, sich jenen aus ihrer Sicht attraktiveren Segmenten des Aktienmarktes zuwenden?

Wenn wir uns die mittelfristigen Trendstrukturdaten in der Pfadfinder- Matrix vergegenwärtigen, dann muss man das von Cortés skizzierte Szenario favorisieren.

Als im März 2000 die Blase am Neuen Markt und an der Nasdaq platzte, befanden sich im Grunde nur drei Sektoren (Telekom, Medien, Technologie) in Hausse-Trends. Alle anderen Sektoren schwächelten schon seit 1998. So notierte bspw. Bayer im Frühjahr 2000 rund 5% unter seinem 1998er Hoch, Fielmann war 20% günstiger als 1998, Daimler 30% und Adidas hatte in zwei Jahren sogar über 70% verloren, als die New-Economy-Blase im März 2000 endlich platzte. Nichts davon ist aktuell zu sehen.

Trotz der jüngsten Turbulenzen am Rentenmarkt, in deren Folge auch die zinssensitiven Sektoren am Aktienmarkt unter Druck gerieten, strotzt die seit fast einem Jahr laufende Hausse vor Kraft. Kein einziger Sektor wird von Abwärtstrends dominiert. Es wäre das erste Mal in der mir bekannten Börsenhistorie, dass eine Hausse trotz einer solchen Stärke endet. Es ist nicht vollkommen unmöglich, aber extrem unwahrscheinlich. Liegt da nicht viel eher die Vermutung auf der Hand, dass Investoren auch zukünftig Erträge erzielen wollen bzw. sogar müssen und daher ihre nahezu unverzinsten und erheblichen Risiken ausgesetzten Anlagen im Rentenmarkt sukzessive in andere Anlageklassen und hier vor allem in Aktien umschichten?

Unsere kurzfristigen Trendstrukturdaten (s. Abb. unten) haben seit Dezember eine gewisse negative Divergenz zu den weiter steigenden Indizes entwickelt.

Auszug aus der Pfadfinder-Matrix
Entwicklung der Quote kurzfristiger Aufwärtstrend im Sektor „Global 4000“ (Pfadfinder-Matrix)

Gut möglich, dass die jüngsten vom Rentenmarkt ausgehenden Turbulenzen noch etwas anhalten und für eine Abkühlung am Aktienmarkt sorgen. Ob das so kommt, ist leider nicht seriös prognostizierbar. Deshalb ist mit zu viel Cash an der Seitenlinie zu warten, durchaus riskant, denn an der grundsätzlichen Hausse-Erwartung halten wir weiter fest. Falls aber eine größere Korrektur startet, dann dürfte es sich um eine sehr gute Gelegenheit handeln, Aktienpositionen außer der Reihe aufzustocken. Deshalb gilt: Wenn es zu einer größeren Korrektur kommt, werden wir sie in unseren HAC-Strategien entsprechend nutzen.

Herzliche Grüße
Ihr Daniel Haase

PS: Der nächste Pfadfinder-Brief ist für Samstag, den 13. März 2021, geplant.

ÜBER Daniel Haase

Daniel Haase (geb. 1976, Mecklenburg) ist Fondsmanager und Vorstand der HAC VermögensManagement AG in Hamburg. Die Vereinigung Technischer Analysten Deutschlands zeichnete sowohl die von ihm entwickelten Methoden zur Trendanalyse (2009) als auch jene zur Aktienauswahl (2019) mit VTAD Awards aus. Seit 2015 ist der gelernte Bankkaufmann beim Hamburger Vermögensverwalter HAC als Vorstand für das Asset Management zuständig. Nachdem der Marathon Stiftungsfonds (WKN: A143AN) des Hamburger Finanzhauses auch den Corona-Crash erfolgreich meisterte, verliehen die Ratingagenturen FWW und Morningstar dem Fonds im Sommer 2020 die bestmögliche Bewertung von fünf Sternen. Sein Marktkommentar (Pfadfinder-Brief) erscheint alle zwei Wochen und ist Bestandteil des Community-Premium-Pakets.