Aktuelle News · 10.02.2022

Ratgeber: Endowment-Effekt bei der Geldanlage umgehen

Warum wir bei der Geldanlage unseren Besitz tendenziell zu hoch bewerten - Beispiele und Tipps, wie Sie den Endowment Effekt vermeiden.

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Autor*in Tobias Gabriel

Endowment-Effekt: Warum wir unseren Besitz höher bewerten

Was man hat, das hat man – Dieses Sprichwort beschreibt den Endowment-Effekt (auch Besitztumseffekt genannt). Gegenstände und Geldanlagen gewinnen subjektiv an Wert, sobald sie uns gehören. Dieser kognitive Fehlschluss führt oft zu unklugen Finanzentscheidungen. Erfahren Sie hier mehr über den Endowment-Effekt und wie Sie ihn umgehen.

Auf einen Blick: Der Endowment-Effekt bei Finanzentscheidungen

  • Studien zeigen, dass Menschen den Wert von Gegenständen, die sie besitzen, systematisch überschätzen.
  • Der Endowment-Effekt hat zur Folge, dass wir den Kaufwert (eines Guts, das wir noch nicht besitzen) geringer einschätzen als den Verkaufswert (eines Guts, das wir besitzen). Objektiv betrachtet ist ein und dasselbe Gut zu einem bestimmten Zeitpunkt aber immer gleich viel wert.
  • Diese kognitive und emotionale Verzerrung führt zu einer Verlustaversion, die fast schon körperliche Schmerzen bereitet. Die Abneigung, etwas wieder hergeben zu müssen, führt zum Beispiel dazu, dass wir uns nicht oder zu spät von unlukrativen Geldanlagen oder verlustreichen Aktien trennen.

3 Tipps, wie Sie den Endowment-Effekt bei der Geldanlage umgehen

  1. Bewahren Sie einen kühlen Kopf: Sofern es sich nicht um das geerbte Elternhaus handelt, sollten Sach- oder Geldwerte keinen emotionalen Wert haben. Reflektieren Sie Ihre Finanzentscheidungen dahingehend selbstkritisch.
  2. Halten Sie an Ihrer Strategie fest, die Sie im Hinblick auf Finanzentscheidungen getroffen haben – zum Beispiel die Momentum-Strategie. Betrachten Sie die nackten Zahlen, studieren Sie Marktanalysen und analysieren Sie betriebswirtschaftliche Kennzahlen.
  3. Tauschen Sie sich mit anderen aus und holen Sie verschiedene Meinungen ein, um dem Confirmation Bias (der einseitigen Suche nach Argumenten, die unsere Annahme bestätigen) zu entgehen. Als Mitglied der Hanseatischen Anleger Community können Sie dies bereits ab 0 Euro pro Monat.

Woher kommt der Begriff „Endowment“

„Endowment“ ist das englische Wort für eine Stiftung. Dabei ist die Bezeichnung „Endowment-Effekt“ etwas um die Ecke gedacht. Es handelt sich um einen Denkfehler, der beschreibt, dass Investoren eine Anlage als werthaltiger wahrnehmen, wenn sie diese erst einmal besitzen. Dass man im Englischen vom „Stiftungs-Effekt“ spricht, rührt daher, dass er häufig bei gestifteten bzw. vererbten Vermögenswerten beobachtet wird.

Beispiel: Eine Investorin namens Nina erbt von ihrer Großmutter ein Aktiendepot. Das rational korrekte Verhalten wäre, sich zunächst eine Strategie zu überlegen, die zum Beispiel Risiko-, Rendite- und Nachhaltigkeitsbedürfnisse beinhaltet. Anschließend sollte sich Nina Aktien suchen, die zu dieser Strategie passen. Doch da Nina die Aktien bereits besitzt, zögert sie, diese auszutauschen oder zu verkaufen, selbst wenn es eigentlich bessere Aktien für sie gäbe. Dieses irrationale Verhalten beschreibt der Endowment-Effekt.

Studien zum Endowment-Effekt

Forscher beschrieben den Endowment-Effekt erstmals Ende 1990 in einer Studie. Sie gaben einer Gruppe Probanden unterschiedliche Güter wie einen Stift oder einen Kaffeebecher und fragten sie nach dem Preis, zu dem sie sie das Gut verkaufen würden. Für den Kaffeebecher wurden 0,25 bis 9,25 US-Dollar gesetzt. Der Durchschnittspreis lag bei etwas über 7 US-Dollar.

Die Probanden der anderen Gruppe sollten angeben, zu welchem Preis sie den Becher kaufen würden. Die Zahlungsbereitschaft der Käufergruppe lag mit durchschnittlich knapp 3 US-Dollar nicht einmal halb so hoch wie die Preisspanne der Verkäufergruppe. Diese Diskrepanz beschreibt auf Alltagsebene einen Effekt, der sich in vielen Bereichen unseres Lebens zeigen kann, auch beim Investieren.

Der Endowment-Effekt bei der Geldanlage

Die verzerrte Wahrnehmung liegt unter anderem daran, dass wir die Opportunitätskosten, z.B. eine andere Aktie zu kaufen, unterschätzen. Der Endowment-Effekt ist aber auch bei selbst akquirierten Gegenständen zu beobachten, sodass die Bezeichnung „Besitz(-tums)-Effekt“ vielleicht passender wäre. So liegt die Zahlungsbereitschaft potenzieller Immobilienkäufer in der Regel unter dem Wert, den Verkäufer ihrer Immobilie zuschreiben.

Scherzhafte Visualisierung des Mechanismus, der dem Endowment-Effekt zugrunde liegt. Die einzige Partei, die den eigenen Besitz größer einschätzt, als man selbst, ist das Finanzamt.
Quelle: https://www.energieausweis-online-erstellen.de/blog/warum-immobilienverkaeufer-hohe-preise-fordern/
Scherzhafte Visualisierung des Mechanismus, der dem Endowment-Effekt zugrunde liegt. Die einzige Partei, die den eigenen Besitz größer einschätzt, als man selbst, ist das Finanzamt.
Quelle: https://www.energieausweis-online-erstellen.de/blog/warum-immobilienverkaeufer-hohe-preise-fordern/

Wer ist besonders betroffen vom Endowment-Effekt?

Der Effekt betrifft vor allem konservative Investoren. Das sind Menschen, die besonders viel Wert auf finanzielle Sicherheit legen, und darauf, ihr Vermögen zu erhalten. Viele von ihnen sind durch ein Erbe oder eine vorsichtige Grundeinstellung zu ihrem Vermögen gekommen. Sie haben ihr konservatives Verhalten folglich erlernt oder zumindest weniger Erfolg mit riskantem Verhalten gehabt. Demzufolge fühlen sie sich unwohl mit Veränderungen und sind langsamer in ihrem Entscheidungsverhalten. Das beflügelt den Endowment-Effekt.

Wie beeinflusst der Endowment-Effekt unser Verhalten an der Börse?

Der Endowment-Effekt bewirkt, dass wir Aktien in unserem Portfolio tendenziell überbewerten und Fundamentaldaten des Unternehmens günstiger interpretieren. Das kann dazu führen, dass Menschen an Aktien auf Talfahrt festhalten. Das hat sich zum Beispiel am Fall Wirecard gezeigt, als Anleger selbst Wochen nach der Pleite an den Wertpapieren festhielten und so in vielen Fällen einen Totalverlust verzeichneten.

Fazit: Was ist dran am Endowment-Effekt?

Reale Entscheidungssituationen sind freilich komplexer als Experimente. Im Beispiel der geerbten Aktien kann es andere gute oder schlechte Gründe geben, diese zu behalten. Das können steuerliche Effekte sein oder das melancholische Gefühl, zu wissen, dass die verstorbene Großmutter bewusst diese Aktien ausgewählt hat. Nichtsdestotrotz: Entscheidend ist die Erkenntnis, dass der Umstand, ob man eine Sache bereits besitzt oder nicht, einen erheblichen Einfluss auf deren wahrgenommenen Wert haben kann. Der Effekt spielt auch in der Spieltheorie eine Rolle und lässt sich auf viele Bereiche übertragen, sogar auf das Beziehungsleben: Ist man mit seinem Partner zusammen, weil man ihn liebt, oder weil man ihn schon hat?

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