Aktuelle News · 25.01.2022

Ratgeber: Diese 5 Anlegersünden sollten Sie 2022 vermeiden

Anleger werden seit Jahren verwöhnt. In den letzten 10 Jahren dauerte die längste Schwächephase an der Börse grade einmal ein paar Wochen an. Doch die Warnsignale verdichten sich und die Anzeichen für einen anspruchsvoller werdenden Kapitalmarkt sind längst da.

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Autor*in Tobias Gabriel

Überblick in Kürze:

  1. Angst vor Aktien
  2. Finanzpsychologie: Der Feind in unserem Kopf
  3. FOMO (Fear OF Missing Out)
  4. Zum Jünger von Crash-Propheten werden
  5. zu wenig Liquidität halten

1. Angst vor Aktien

Aktien sind eine beeindruckende Anlageklasse, vielleicht sogar die mit den meisten Chancen für Anlegerinnen und Anleger. Viele Aktien haben Weltkriege und Hyperinflationen überstanden, was die meisten Währungen und die Anlageklasse der Anleihen nicht von sich behaupten können. Aktien sind eine verbriefte Beteiligung am Wachstum von Unternehmen. Mit einem modernen Depot kann man weltweit diversifizieren. Der Nachteil ist, dass Aktien fast rund um die Uhr an den Börsen gehandelt werden und ihre Schwankungen daher in Echtzeit nachvollzogen werden können. Das löst Emotionen aus. Die Finanzwissenschaft stellte fest, dass Menschen, die seltener auf ihr Depot schauen, viel höhere Renditen erzielen – mutmaßlich, weil kurzfristige Aktionen aus Angst oder Gier dadurch unterbunden werden. Die Schwankungen der Anlageklasse Aktien können in Krisenphasen immens sein, was viele Menschen, besonders in Deutschland dazu bewegt, sie zu meiden.

Gemäß des Deutschen Aktieninstituts besaßen im Jahr 2020 nur 7,6 % der deutschen Bevölkerung Einzelaktien. Das entspricht etwa 5,3 Mio. Bürgern und damit immerhin 1,2 Mio. mehr als im Vorjahr. Bezieht man das indirekte Investment in Aktien über Fonds und ETF’s mit ein, waren es immerhin 17,5 % der Bevölkerung (12,35 Mio. Menschen). Trotz des ausnahmslosen Aktienbooms sind diese Zahlen ernüchternd niedrig. Sie befinden sich auf dem Niveau vor der Krise 2001, nachdem sie in den 19 Jahren dazwischen relativ konstant waren. Der Boom wird vor allem von Frauen und jungen Menschen befördert – ein Hoffnungsschimmer.

Unter den vielen tausend Aktien weltweit findet sich in jeder Börsenphase eine immer noch breite Auswahl passender Aktien, die Ihnen langfristig Rendite bescheren wird. Langfristig ist das Stichwort: Wer mit Aktien erfolgreich Vermögen schützen und ausbauen will, braucht Zeit. Ein Horizont von mindestens 5 bis 10 Jahren ist wünschenswert. In dieser Zeit gilt es, dranzubleiben und seine Nerven im Griff zu behalten. Womit wir zur Psychologie der Geldanlage kommen.

2. Finanzpsychologie: Der Feind in unserem Kopf

Das menschliche Gehirn hat in zwei Millionen Jahren Evolution gelernt, grundlegende Überlebenstaktiken zu erlernen. Präzises mathematisches Denken, welches bei der rationalen Geldanlage elementar ist, fand bestenfalls in den letzten 4.000 Jahren Eingang in evolutionäre Prozesse. Demzufolge ist das menschliche Gehirn darin nicht besonders gut, um nicht zu sagen sehr schlecht.

Wie die Forschung des Psychologen Daniel Kahnemann ergeben hat, funktioniert unser Gehirn wie eine Assoziationsmaschine, die ständig versucht, Abkürzungen zu nehmen (sogenannte Heuristiken). Dabei unterlaufen ständig Fehler, die man in der jungen Forschung der Finanzpsychologie als „Biase“ oder zu Deutsch „Verzerrungen“ bezeichnet. Weit über 100 solcher Trugschlüsse wurden bereits erforscht und katalogisiert. Das heißt jeder von uns macht diese ganz intuitiv, ohne es zu merken. Zumindest bis er oder sie davon weiß. Denn: mit der Bewusstwerdung über diese mentalen Fehler lassen diese sich vermeiden und wir sind ihnen nicht hilflos ausgeliefert. In vielen Fällen können aktiv Techniken erlernt werden, um sie zu umgehen. Hier sind zwei Beispiel für typische Finanz-Biase:

Unterschätzen von exponentiellem Wachstum

Einer der trivialsten Gamechanger in der Geldanlage ist das Verständnis des Zinseszins-Effektes. Er kann nicht oft genug betont werden, denn unser Gehirn versteht ihn intuitiv nicht. Nur mit wiederholtem Bewusstwerden über Zinseszins-Entwicklungen können wir uns dazu zwingen, diese wirklich zu verinnerlichen. Insbesondere bei langfristigen Sparprozessen entfaltet der Zinseszins seine magische Wirkung.

Verinnerlicht man die Wirkung des Zinseszinses, sollte die Motivation für Anleger extrem hoch sein, frühzeitig viel Geld zurückzulegen. In Wirklichkeit tun sich die allermeisten Menschen jedoch sehr schwer damit, soweit vorauszudenken. Sie konsumieren lieber kurzfristig. Der Grund ist, dass wir nicht in der Lage sind, exponentielle Prozesse zu begreifen. Eine hilfreiche Faustregel zur Umgehung dieser mentalen Verzerrung ist die sogenannte 72er-Regel. Teilt man die Zahl 72 durch die Rendite einer Geldanlage, erhält man die Dauer, die es für eine Verdoppelung benötigt. Als Formel gilt i = Rendite und t = Zeit. Daraus leitet sich ab t = (72 / i).

Bei einer Wertentwicklung von 6 Prozent pro Jahr benötigt ein Anleger 12 Jahre, um eine Verdoppelung zu erzielen. Wer einen Geldbetrag für einen festen Zeitraum anlegen möchte, kann mithilfe der Regel ermitteln, welche Rendite er oder sie für eine Verdoppelung benötigt: i = 72/t. Bei einer Anlagedauer von 10 Jahren ist ein Plus von 7,2 Prozent pro Jahr für die Verdoppelung des Kapitals notwendig.

Selbstüberschätzung

Das menschliche Gehirn reduziert Komplexität intuitiv und andauernd. Das hat einen einfachen evolutionären Vorteil: Das Gehirn verbraucht einen Großteil der Körperenergie. Es ist also ständig darum bemüht, bei geringstmöglichem Aufwand, hilfreiche Ergebnisse zu erzielen. Nicht selten formuliert es dabei unwissentlich die eigentliche Fragestellung leider völlig um. Es beantwortet statt der ursprünglichen Frage die einfachere und sagt sich „das ist total einfach“.

Forscher haben die systematische Überschätzung der eigenen Fähigkeiten experimentell nachgewiesen. Probanden wurden gebeten, eine Schätzung abzugeben. Ein Index hat sich zwischen 1950 und 2021 um 1.200 % nach oben entwickelt – ohne Dividenden (Kursindex). Es wurde gefragt, wie groß die Rendite inklusive der Dividenden ausfiel (Performance-Index) und darum gebeten, ein Intervall aus Mindest- und Höchstwert festzulegen, in dem der wahre Wert zu 95 % liegen würde. Bei der Auswertung interessiert einzig und allein, wie eng die Schranken des Intervalls gesetzt wurden. Rational betrachtet müssten Probanden, die nicht ganz genau auswendig wissen, wie hoch die Dividenden aller Indexaktien in den letzten 71 Jahren ausfielen, ein eher breites Intervall wählen, um sicher zu gehen, dass das wahre Ergebnis höchstwahrscheinlich darin vorkommt. Doch im Ergebnis wählten die Probanden viel zu enge Intervalle. Sie überschätzten systematisch ihre Schätz-Fähigkeiten, anstatt ihre eigene Ahnungslosigkeit über diese komplexe Fragestellung einzugestehen und das Fenster so breit wie möglich zu setzen. Dieses Verhalten wurde mittlerweile tausendfach über viele weitere Experimente mit Finanzbezug nachgewiesen. Bei Männern fällt die Selbstüberschätzung übrigens noch stärker aus als bei Frauen. Wenn Sie glauben, Ihnen würde das nicht passieren, überschätzen Sie sich schon selbst.

3. FOMO („Fear of missing out“)

FOMO beschreibt die Angst von AnlegerInnen, einen großen Trend oder etwas ähnliches zu verpassen. Es ist eine gefährliche Mischung aus Angst und Gier – Angst nicht dabei gewesen zu sein und Gier nach einem überproportionalen Wachstum. FOMO ist daher ein gefährliches Phänomen, das sich besonders in Börsenhypes beobachten lässt, wie zuletzt dem Bitcoin-Boom. Soziale Medien wie Twitter beflügeln die Angst des Verpassens. Was sind die Gefahren von FOMO?

Zum einen führt die zwanghafte Sorge, etwas zu verpassen dazu, dass Menschen unangemessen hohe Risiken eingehen. Sie blenden aus emotionalen Beweggründen das Rationale aus und springen auf einen Hype auf. Das einzige Ziel: Dabei sein – egal was es kostet. Insbesondere der letzte Teil kann dabei sehr teuer werden.

Zum anderen neigen Hype-Entwicklungen zur Übertreibung, sodass sie häufig in Blasen enden, die platzen. Der Teil der Marktakteure, die aus FOMO auf einen Trend aufspringen und nicht aus intrinsischen Motiven, sind also spät dran. Sie werden meist nur die Spitze des Wachstums mitnehmen können, aber dafür das volle Platzen der Blase. Das soziale Phänomen der Fear of missing out ist ernst zu nehmen und kann jedem unterlaufen. Hinterfragen Sie in Extremsituationen (auch in positiven Trends) Ihre wahren Beweggründe. Vermeiden Sie das Handeln aus Gier oder Angst.

4. Zum Jünger von Crash-Propheten werden

Sogenannte Crash-Propheten sind Menschen, die in der Öffentlichkeit wiederholt und eigentlich andauernd vor Krisen warnen. Sie nehmen bevorzugt die pessimistische Perspektive ein und betonen mögliche Risiken und sagen Krisen voraus. Sie nutzen das Motiv der Angst ihres Publikums aktiv für das Verwirklichen ihrer eigenen Interessen aus. Dabei agieren sie nicht selten als Fondsmanager und bieten vermeintlich krisensichere Portfolios an oder möchten die Verkaufszahlen ihrer Bücher steigern. Prominente Beispiele sind Max Otte und Dirk Müller. Dabei sind ihre Argumente und die Risiken, vor denen sie warnen, nicht immer falsch. Lediglich die Schlussfolgerung, dass aus allen Warnsignalen und Risiken auch ein handfester Börsencrash erwächst, ist in vielen Fällen falsch. Richtig ist nur, dass in der Regel vor jedem Börsencrash auch Warnsignale erkennbar sind. Dieser Zusammenhang gilt jedoch nicht linear andersherum.

Sich auf Crashpropheten einzulassen, heißt, in vielen Börsenphasen nicht investiert zu sein, in denen es zwar Warnsignale gibt, diese sich allerdings in Wohlgefallen auflösen oder der eigentliche Crash viel geringer ausfällt. Zu häufig „an der Seitenlinie zu stehen“ kann viel mehr Rendite kosten als investiert zu sein, aber dafür den wahren Crash voll mitzunehmen. Das Verkaufen von Aktien in vermeintlichen Krisen, die sich als falsch entpuppen oder sogar das Absichern des Portfolios durch Derivate kann grade für Privatanleger ein teures Unterfangen sein. Hierbei geht es explizit um Crash-Propheten, also solche Personen, die permanent vor Krisen warnen. Das heißt nicht, dass Risiko-Management im Portfolio nicht hilfreich sein könnte. Man sollte nur nicht aus jedem potenziellen Risiko eine Krise ableiten. Es kann – das haben die Börsen in den letzten 100 Jahren bewiesen – trotz größter wirtschaftlicher Warnzeichen sehr lange gut gehen, bevor etwas passiert, wenn überhaupt. Dabei sollte man so lange wie möglich investiert sein. Besonders das Ende von Hausse-Phasen zeichnet sich in der Regel durch einen exponentiell steigenden Schlussakkord aus. Diese Blasen platzen dann üblicherweise in einer Übertreibung der Kurse, allerdings nach unten, bis sie zum Mittelwert zurückkehren.

Methode könnte auch bei der Bewältigung folgender Zukunftsprobleme helfen.

5. Zu wenig Liquidität halten

Wer zu wenig Liquidität vorhält, ist im Nachteil. Widerspricht das nicht allem, was zuvor beschrieben wurde? Nein, je nach Risikobedürfnis sollten Sie einen möglichst großen Teil Ihres Geldes investieren, anstatt es auf einem Sparkonto ohne Zinsen der Inflation und Verwahrentgelten auszusetzen. Aber in Phasen, in denen der Markt einbricht, benötigen Sie Geld, um günstig nachzukaufen.

Dafür kann es sich lohnen, in guten Phasen einen bewussten Anteil in Form von Cash oder z.B. sehr defensiven Fonds bzw. Aktien zu halten, um diese in einem Markteinbruch oder einer Panik günstig in offensivere Titel umzuschichten. Eine bekannte Börsenweisheit, die diesen Ratschlag auf den Punkt bringt, lautet „werde gierig, wenn andere ängstlich sind“. Dieses Vorgehen wird, gerade inmitten einer Haussephase Ihrer Intuition stark widersprechen, aber kann sehr viel wert sein, wenn es zu einem Crash kommt. Es wäre doch schade, wenn Sie gar kein Material zum Investieren hätten, wenn die vielversprechendsten Aktien auf Ihrer Watchlist gerade 50 % günstiger geworden sind, oder nicht?